fixedpott
mit einem gang und ohne bremse

Wie kam es zur Teamgründung und den Sponsoren?

 

Paul: Also ganz kurz… Das war total dämlich: Ich hab aufgehört zu rauchen und hatte 500€ im Monat übrig und hab mir n Fahrrad gekauft. Darauf hin lernte ich ganz viele Leute kennen, unter andere auch Jan und Stefan, die beiden anderen Gründungsmitglieder und wir haben n T-Shirt gemacht. Das war son Rip Off von ner italienischen Fahrradmarke. Dann kam öfters vor, dass wir gefragt wurden: »Seid ihr n Team?«  und irgendwann haben wir dann aus trotz und weil wir so genervt von der Fragerei waren gesagt: »Jau, wir sind n Team.« und plötzlich waren wir fünf Personen und im Auto unterwegs nach Italien, wo Stefan der schnellste Deutsche in der Geschichte des Red Hook Crit – man muss dazu sagen, dass da n Tour de France Fahrer erster geworden ist… schon ne krasse Leistung. Darauf hin haben wir dann beschlossen das ganze ambitionierter zu machen, ich hab dann echt wie doof Leute und Firmen angeschrieben, ob da nicht jemand bock hätte uns zu sponsern und haben so ganz klein angefangen. Zu erst haben wir uns die Räder selbst zusammengeschraubt und haben hier und da mal Rabatt auf den ein oder anderen Part bekommen – weil wir einfach irgendwann die Personen und Verkäufer hinter den Läden gut kannten.

2014 waren wir dann sehr aktiv und quasi überall unterwegs, haben unendlich viel Kohle in Fixedpott reingesteckt, Nils kam Ende des Jahres dazu und eigentlich war schon im Sommer nach der Euro Bike, der größten Fahrradmesse der Welt klar: die Sponsoren die wir haben, haben Bock uns weiterhin zu unterstützen. Einige erstatten uns ein paar Reisekosten, von anderen bekommen wir etwas Material, sodass wir Ende 2014 quasi umsonst zu viert nach Thailand geflogen, sind da ein Rennen gefahren! Im letzten Jahr ging es dann wirklich nur darum Kontakte zu pflegen. So steht hinter Fixedpott ein gutes Netzwerk aus Sponsoren, Sportlern und Beratern, also Leuten die Ahnung von wirtschaftlichem Kram haben, an die wir herantreten können. Unser fester Sponsorenstamm, den wir auch behalten wollen und welche uns auszeichnen sind eher kleinere Unternehmen, die alle familiär geführt werden, kommen alle aus Deutschland, einer der größten sogar ursprünglich aus dem Ruhrgebiet (jetzt im Sauerland), Tuned aus Freiburg, die machen so ultraleicht Teile und eben Iriedaily aus Hamburg, quasi unser Hauptsponsor.

Generell ergänzt sich das Team super! Nils macht Fotos für uns, die anderen Fahren fürs Podium und ich mach hauptsächlich die ganze Kontaktarbeit und beschäftige mich mit dem ganzen Networking.

 

Warum Fixie und nicht ein klassisches Rennrad mit Gangschaltung und Bremsen?

 

Paul: Jan war Rennradfahrer, Stefan Leistungssportler im Bereich Wassersport und Kurierfahrer und Ich fand Fahrradfahren immer scheiße. Ich hab 115 Kilo gewogen, bin nur Auto gefahren, hab geraucht und war Abends bei McDonalds und hab n Burger und ne Cola bestellt. Keiner hatte so richtig Bock auf klassisches Rennrad fahren, weil das einfach zu der Zeit auch son bisschen Spießig war – jetzt kommt das ja wieder son bisschen wieder. 2011 war Fixed Gear voll im Kommen, Berlin hat das ja gut vorgemacht, dann kamen Videos von Red Hooks und alles war einfach total wild, verrückt und total spannend (da zum Beispiel auch keine Bremsen verbaut werden). So kam eins zum anderen. Die Fixie-Kultur an sich gibts ja dank der Fahrradkuriere schon seit fast 30 Jahren oder auch in den Anfängen der Tour de France. Als es noch keine Gangschaltungen gab sind die auch mit ner starren Nabe und ohne Bremsen gefahren. Aber als eigene Rennszene war es da schon eher ne Subkultur und haben hier im Pott so als mit die Ersten gesagt: OK, wir sind Fixed Gear Ruhrpott, da Berlin das Einzige war, was es zu der Zeit gab – später kamen Frankfurt als auch Hamburg noch dazu. Der Name war uns aber zu lang und hat sich dann zu Fixedpott weiterentwickelt.

 

In wie weit funktioniert das Ruhrgebiet für euch, auch bezüglich

Trainingsstrecken und wie sieht die lokale Radszene aus?

 

Paul: Das Techniktraining machen wir auf Phönix-West, dem alten Industriegelände in Dortmund, da die Straßen

super und total ruhig sind – alle viertel Stunde kommt da der Bus und alle zehn Minuten mal n Auto. Ansonsten fahren die Jungs halt Touren. In der Hochsaison wie im Juli ist jedes Wochenende ein Rennen und dann findet das Training einfach vor Ort auf der Rennstrecke statt.

Ansonsten ist das Ruhrgebiet einfach super vernetzt. Du bist mit Fahrrad innerhalb von anderthalb Stunden so ziemlich überall wenn willst, die Infrastruktur mit Bus und Bahn ist super, bist schnell in der Natur und kannst ab Lanstrop beispielsweise über Landstraßen bis nach Hamburg hoch oder eben direkt in der Stadt. Je nach Training kannste schnell ins Sauerland um in den Bergen zu fahren, wenn du flache Strecken suchst fährste Richtung Holland – du kannst perfekt in allen Bereichen trainieren, das ist meiner Meinung nach schon was besonderes am Ruhrgebiet.

 

Wie sieht is mit der Organisation der Rennen aus –

kann das noch auf subkultureller Ebene durchgeführt werden?

 

Paul: Kaum. Zum Einen müssen Straßen gesperrt werden, was allein schon eine total krasse organisatorische Leistung ist, zum anderen ist die Verletzungsgefahr echt hoch! Man kann sich echt schlimm wehtun und ich finde das mindeste was man als Sportler von einem Veranstalter verlangen kann oder sollte ist, dass ich vernünftig versorgt werde falls ich mich verletze.

Bei nem Alleycat ist jedem klar, dass er für sich selbst verantwortlich ist, das fährst du halt alleine. Das ist sone Fahrradschnitzeljagd in der Stadt, macht einer n Manifest in dem erklärt ist, welche Checkpoints man anfahren muss um dann einen Stempel zu bekommen oder ne Aufgabe erfüllen muss. Aber wenn du in Sonnen Pulk von 100 Leuten fährst und vor dir rutscht einer weg und du packst dich aufs Maul, dann machte gar nichts mehr. Die anderen sind da echt schon ganz abgebrüht, aber Nils und ich sind ja keine Rennfahrer, wir haben da schon immer ordentlich schissDa sind die Vorgaben für die Räder gegeben: Keine Bremsen, nur  mit Helm und Klickpedalen. Bei nem illegalen Rennen kannste auch mit dem Rennrad kommen, was zwei Bremsen hat. Auf nem Fixie hast du bei 50 km/h aber keine Zeit zu bremsen. Da ist dann das mindeste was man braucht ein vernünftiger Versicherungsschutz und auch eine vernünftige Haftbarkeit des Veranstalters, sodass du dir keine Sorgen um deine Gesundheit machen musst. Jan hat sich einmal den Arm aufgeschürft, von der Schulter bis zum Handgelenk, n bekannter ist als erster ins Ziel gefahren, gestürzt und hat sich das Becken gebrochen, n anderer sogar mal das Rückgrat. Sowas muss einfach direkt ordentlich behandelt werden. Ansonsten ist die Stimmung meist super und die Leute wissen, wie man feiert! In Köln gab sogar son offiziellen Stand, wo du dich tätowieren lassen konntest. In Thailand kam ich zu einem Termin 2 Stunden zu spät, weil ich noch rotzevoll war und mir erst mal Ibuprofen schmeißen musste und aufm Straßenstrich haben wir uns sogar mit 11 Mann tätowieren lassen. Ist jetzt aber kein Pflicht-Fahrradgang Ding, sich Farbe unter die Haut stechen zu lassen – Nils, Jan und Jörn haben zum Beispiel kein einziges Tattoo. Solange du cool bist, kannste halt herkommen wo und aussehen wie du willst.

 

Wie seht ihr allgemein die Präsenz von Fahrerinnen im Radsport,

bei euch sind ja aktuell zwei im Team?

 

Paul: In unserer Szene wird es definitiv immer mehr, was ich echt cool finde! Als wir angefangen haben, waren da nur wenige Frauen, die dann bei den Männern gestartet sind. Beim Red Hook waren 200 Fahrer angemeldet und zwei Frauen. Mitlerweile gibt es da auch eigene Rennen wo um die 60 Fahrerinnen starten, was echt schon n mega Feld ist. Das Problem ist dann nur, wenn da Profis zu kommen. In London wars dann so, dass eine alle anderen überrundet hat und generell ist die Schere der Leistung bei Frauen noch viel größer als bei den Männern.

Langsam kapieren die Veranstalter auch, dass die Preise gleichgerecht sein müssen. Das kann man sich so vorstellen, dass der Typ dann n Fahrrad bekommen hat und die Gewinnerin bei den Frauen nur n Reifen – das ist halt unfair, da die ja genau den gleichen Sport betreiben und die selben Risiken eingehen. Das ist dann echt schön zu sehen, wie die Szene auch da wächst und motiviert natürlich auch unsere beiden.

Das Coole bei den Mädels ist auch, dass die sich alle irgendwie besser verstehen, zumindest in Deutschland haben sich da alle total gern und sind untereinander voll nett zu einander. Bei den Jungs ist das eher son kleines Muskelspiel und das lässt du einen auch vor und nach dem Rennen spüren, wenn du den nich riechen kannst.

 

Habt Ihr Wurzeln in klassischen Jugendkulturen?

 

Paul: Da muss ich in meiner D.I.Y.-Vergangenheit graben. Also ich war mal ein sehr ambitionierter Musiker, von dem ein deutsches Musikmagazin sagte, ich sei die Hoffnung der deutschen Musikrichtung, die ich vertreten habe… Das war so 2004.

 

Nils: Also ich war son klassischer »Steineschmeißer« in der Jugend, aber das hat sich dann auch gelegt.

 

Paul: Ansonsten haben wir einen im Team, der war inklusive auf der Straße wohnen Punk mit Kutte und selbstgenähten Sachen, einer hat immer schon gemalt (Graffiti) und macht jetzt unsere ganzen Grafikklamotten und Trikots. Wir sind echt darauf Bedacht, unsere Sachen soweit es geht nicht aus der Hand zu geben und das Team-intern zu managen. Also schon möglichst viel DIY!

 

Das ganze Interview findest Du im Printmagazin Ausgabe #1

 

www.fixedpott.de

Interview: Dominik Klimat mit Paul Baluch und Nils Laengner

Fotos: Nils Laengner

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